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Kategorie: Denkmalprojekt Stadtgemeinde Pinkafeld
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Der Museumsverein Pinkafeld begleitet das Projekt der Stadtgemeinde Pinkafeld zur Errichtung eines Denkmals für die NS-Opfer fachlich. Wir haben auf unserer Facebook-Seite in letzter Zeit einige Schicksale Pinkafelder Opfer vorgestellt. Eine weitere Opfergruppe ist die des Euthanasie-Programms der Nazis, der sogenannten „Aktion T4“. Unser Vorstandsmitglied Heinz Bundschuh hat zu dieser Opfergruppe einen sehr persönlichen Bezug und und beschreibt diesen im folgenden Text:

„Wenn man sich fast ein Leben lang mit der Geschichte des 2. Weltkrieges und der NS-Zeit beschäftigt, dann wird man einiges an Grausamkeiten gewohnt. Seien es Besuche in Mauthausen oder Auschwitz oder Berichte über die Kämpfe um den Kessel von Stalingrad, alles Begebenheiten, die man so leicht nicht vergisst.

Und trotzdem ist es etwas ganz anders, wenn diese Einschläge dann auf einmal mitten in der Familie liegen, wenn man erfährt, dass die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mitten in der eigenen Familie Opfer gefordert hat und nicht irgendwo weit weg von der eigenen Heimstätte.

So geschehen im Januar 2015, als ich ein Mail öffnete, das ich von Peter Eigelsberger, einem Mitarbeiter der Dokumentationsstelle Hartheim, erhalten hatte. Das Schreiben bestätigte zwar einen lang gehegten Verdacht, aber doch ist es wiederum etwas ganz anderes, wenn man die endgültige Bestätigung in den eigenen Händen hält oder, wie in diesem Fall, ein Mail mit den eigenen Augen liest, nämlich dass eine Verwandte zusammen mit 75 anderen vermutlich am 7. Februar 1941 in der sogenannten T4-Tötungsanstalt Hartheim ermordet worden war. Bei dieser Verwandten handelte sich um die Schwester meines Großvaters väterlicherseits, meiner Großtante Elisabeth Bundschuh aus Riedlingsdorf. Ich selbst war sechs Jahre alt, als mein Großvater 1971 verstarb und habe daher keine Erinnerung daran, aber man Vater sagte mir, dass mein Großvater oft von seiner Schwester sprach, die "während des Krieges verschwunden“ war.

Ich wollte der Sache auf den Grund gehen und im Juli 2017 besuchte ich zusammen mit meiner Familie dieses Schloss in der oberösterreichischen Gemeinde Alkoven. Am Eingang erwähnte ich beiläufig, dass meine Großtante hier 1941 ermordet wurde und erntete von einem überraschten Mitarbeiter der Gedenkstätte den Satz: „Aha, dann sind sie ja Opferangehöriger!“. „Dann sind sie ja Opferangehöriger“, dieser Satz klingt mir heute noch in den Ohren und ich leite von ihm eine gewisse Verantwortung und Verpflichtung ab, gegen das Vergessen anzuarbeiten, das eine so weit verbreitete menschliche Eigenschaft ist.

Als „Opferangehöriger“ genießt man in Hartheim das Privileg eine Spezialführung zu erhalten und zu unserem Glück war Peter Eigelsberger anwesend, der uns dann durch die Gedenkräume führte und alle Fragen beantwortete. Neben einer emotionellen Berg- und Talfahrt sind mir von dieser Führung vor allem zwei wesentliche Erkenntnisse in Erinnerung geblieben.

Aber zuerst einmal der Reihe nach.    

Die Bezeichnung „T4-Tötungsanstalt Hartheim“ bedeutet, dass in diesem Schloss in Alkoven im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ in der Zeit von Mai 1940 bis August 1941 rund 18.000 Menschen mit Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen, wie  Peter Eigelsberger es formulierte, ermordet wurden. In der menschenverachteten Gedankenwelt der Nationalsozialisten hörte sich das ganz anders an, denn mit der „Vernichtung lebensunwertes Lebens“ sollte die „Rasse reingehalten“ (Stichwort: Nationalsozialistische Rassenhygiene) und die Kriegsbestrebungen nicht beeinträchtigt werden.

Konkret umgesetzt wurde dieses Vorhaben in Österreich bzw. in den sogenannten „Reichs- und Donaugauen“, wie das Gebiet unseres Heimatlandes damals bezeichnet wurde, dadurch, indem man in einem kleinen Schloss im oberösterreichischen Alkoven einige ebenerdige Lagerräume mit geringen Aufwand in eine wahre Todesfabrik umbaute. Und das war auch die erste erschreckende Erkenntnis aus der Führung von  Peter Eigelsberger, dass man Räume, die so ähnlich wie der Kellerraum unseres Museums sind, mit einfachen Mitteln in eine Gaskammer oder in ein Krematorium umbauen kann, um in ihnen rund 30.000 Menschen (nach dem Ende der Aktion T4 im August 1941 benutzte man die Räumlichkeiten in Schloss Hartheim um weitere 12.000 KZ-Häftlinge aus dem KZ Mauthausen zu ermorden.) zu vergasen oder zu verbrennen.

Die Maschinerie des Todes funktionierte so, dass fast jeden Tag in Hartheim einige Autobusse ankamen, mit denen Patienten aus Pflegeheimen bzw. Nervenheilanstalten antransportiert wurden. Um diesen Vorgang vor den neugierigen Blicken der Anrainer zu verbergen, hatte man kurzerhand einen Schuppen an die Westseite des Schlosses angebaut, in dem die Busse hineinfuhren und die späteren Opfer aus den Bussen stiegen. Anschließend ging es für diese Menschen gleich in den Entkleidungsraum und wenig später in den sogenannten „Untersuchungsraum“, wo lediglich ihre Identität festgestellt wurde. Manche wurden aus „wissenschaftlichen Gründen“ fotografiert und manchen wurde ein Kreuz auf den Rücken gemalt. Dieses Kreuz  diente den sogenannten „Brennern“ , das waren jene Mittäter, die dann später die vergasten Opfer aus der Gaskammer holten, um sie nach und nach im Krematorium zu verbrennen, als Hinweis. Hatte jemand ein Kreuz auf dem Rücken, so bedeutete das für den Brenner, dass diesem Menschen die Goldzähne herauszubrechen waren, um sie für das „Deutsche Reich zu sichern“. All diese, aus heutiger Sicht unglaublichen Vorgänge, fanden in Räumen statt, die vor 1940 nicht viel anders aussahen als besagter Kellerraum in unserem Stadtmuseum. Und dem Unglaublichen nicht genug, die gleichen Räume wurden aufgrund der Wohnungsnot nach dem Krieg und dem Hochwasser von 1954 wieder von Menschen bewohnt.

Die zweite erschreckende Erkenntnis für mich war, dass Schloss Hartheim und die anderen Tötungsanstalten nicht nur die Blaupausen für die späteren Vernichtungslager im Zuge der Shoah  darstellten, sondern dass gerade das Verwaltungspersonal von Hartheim eine entscheidende Rolle in diesem Völkermord spielen sollte. Nachdem nämlich die Aktion T4 aufgrund des Widerstandes in der Bevölkerung abgebrochen wurde (übriges ein einmaliger Akt in der Geschichte des Dritten Reichen wo eine Mordaktion aufgrund des Widerstandes der Bevölkerung vorzeitig beendet wurde), waren die Hauptakteure der Aktion T4 „gefragte Spezialisten“ für den Völkermord an den europäischen Juden. Franz Stangl, Franz Reichleitner, Gustav Wagner und Christian Wirth konnten nun das in Hartheim "Gelernte" als Kommandanten der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka in einem viel größeren Rahmen anwenden und sie machten sich in diesen Funktionen an der Ermordung von mehr als einer Million europäischer Jüdinnen und Juden schuldig.

Besonders emotional war für mich natürlich der Moment als mir Peter Eigelsberger den Namen meiner Großtante Elisabeth auf einer der Glastafeln zeigte, die heute im ehemaligen Untersuchungsraum zum Gedenken an die Opfer aufgestellt sind. Da man durch die Reihung der Namen keine Wertung vorgeben wollte, sind die Namen nach dem Zufallsprinzip gereiht und man braucht die Hilfe eines Computers dafür um einen konkreten Namen unter den vielen Zehntausenden zu finden.

Um das dort Gehörte und Gesehene zu verarbeiten, aber auch um meiner Großtante Elisabeth zu gedenken, baute ich in weiterer Folge den Wikipedia-Artikel über die „Tötungsanstalt Hartheim“ um ein Vielfaches aus, damit die, die vor diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte nicht die Augen verschließen, möglichst ein Maximum an Informationen erhalten.

Außerdem habe ich mich sofort dafür bereiterklärt, Edi Posch bei seiner Initiative zu unterstützen, ein Denkmal für die Ermordeten der NS-Herrschaft zu errichten. So bildete eine Dokumentation von mir eine der Grundlagen für die positive Entscheidung der Stadtgemeinde Pinkafeld.

Ein persönlicher Wunsch wäre noch, dass auch Riedlingsdorf, die Heimatgemeinde meiner Großtante Elisabeth, ihrer und der beiden anderen Riedlingsdorfer T4-Opfer gedenken würde. Vielleicht liest diesen Artikel ja auch jemand aus Riedlingsdorf und nimmt unsere Pinkafelder Initiative zum Anlass auch so etwas Ähnliches dort zu machen…“   

 

Beschreibung der nachfolgenden Bilder: